Im Jahresbericht der unabhängigen Bundesbeauftragten für Antidiskriminierung Ferda Ataman für das Jahr 2025 ist ein Interview mit unserer Mitarbeiterin Birgit Peter erschienen. Darin spricht sie über die drastischen
Einschnitte für die Antidiskriminierungsberatung Brandenburg nach dem Auslaufen des Bundesprogramms respekt*land und darüber, was ihr Hoffnung gibt.
Frau Peter, Ende Januar lief die Bundesförderung respekt*land aus. Was bedeutet das konkret?
Die Konsequenzen sind drastisch: Es gibt in Brandenburg seitdem keine unabhängige Antidiskriminierungsberatung mehr für Menschen, die aufgrund von Behinderung, sexueller Identität, Alter, Geschlecht oder Religion diskriminiert werden. Für uns und für die Betroffenen ist das ein massiver Einschnitt. Wir mussten unser Angebot einstellen, das Team verkleinern und können jetzt nur noch sehr eingeschränkt arbeiten.
Wer bekommt noch Hilfe – und wer nicht?
Wir haben noch eine kleine Förderung vom Land und von der Kommune Potsdam. Damit beraten wir ausschließlich Menschen, die von rassistischer Diskriminierung betroffen sind. Alle anderen müssen wir abweisen – schlicht, weil wir keine Kapazitäten mehr haben.
Das heißt: Wer wegen des Geschlechts oder des Alters diskriminiert wird, bekommt keine Unterstützung mehr?
Genau. Diese Menschen müssen wir leider wegschicken.
Warum ist persönliche Beratung direkt vor Ort so wichtig?
In der Beratung geht es nicht nur um rechtliche Fragen, sondern auch darum, für die Betroffenen einfach da zu sein. Ein Raum, in dem ihnen zugehört und geglaubt wird, ist zentral. Das kann keine rein digitale oder rechtliche Beratung ersetzen. Als unabhängige Stelle können wir Betroffene außerdem auch dann unterstützen, wenn staatliche Institutionen diskriminieren – ohne Interessenkonflikte.
Wie stark sind Sie von den Kürzungen betroffen?
Wir müssen unser Angebot faktisch halbieren, sodass aktuell nur zwei Beraterinnen in Teilzeit tätig sind. Für ein großes Flächenland wie Brandenburg ist das viel zu wenig.
Drei Jahre respekt*land – was bleibt?
Unsere Beratungszahl lag im dreistelligen Bereich. Vor allem Betroffene von Rassismus und Ableismus sind zu uns gekommen. Die Arbeit war extrem wichtig. Wir haben Menschen konkret unterstützt, Netzwerke aufgebaut, Weiterbildungen angeboten. Jeder Einzelfall kann etwas verändern – auch strukturell.
Wir haben aber auch gesehen, wie viel Zeit es braucht, in einem Flächenland wie Brandenburg Beratungsstrukturen aufzubauen und Vertrauen zu schaffen. Gleichzeitig wussten wir wegen der unsicheren Finanzierung oft nicht, ob wir im nächsten Jahr weiterarbeiten können. Deshalb ist eine stetige und gesicherte Förderung so wichtig.
Was passiert jetzt mit den Betroffenen?
Sie sind faktisch aufgeschmissen. Zwar gibt es eine Landesstelle, aber die reicht bei weitem nicht aus, zumal Beratung nur ein kleiner Teil ihrer Aufgaben ausmacht. Daneben gibt es ehrenamtliche Angebote – die ohne Frage wichtig sind, aber keine professionelle Beratung ersetzen können.
Teilweise versuchen wir, in Einzelfällen Menschen an Stellen im benachbarten Berlin zu vermitteln. Aber das ist eigentlich nicht deren Aufgabe und funktioniert nur, wenn dort Kapazitäten frei sind.
Wie geht es für Sie als Stelle weiter?
Wir machen weiter – im kleinen Team und mit Fokus auf rassistische Diskriminierung. Gleichzeitig müssen wir Ressourcen straffen und priorisieren. Andere Betroffenengruppen fallen leider hinten runter. Das ist schwer auszuhalten. Wir arbeiten aus Überzeugung – und natürlich entsteht das Gefühl, Menschen im Stich zu lassen. Aber nicht wir lassen Menschen im Stich, sondern die Politik, die sich dafür entschieden hat, Antidiskriminierungsarbeit in Brandenburg nicht weiter zu fördern.
Was erwarten Sie von der Landes- und Bundespolitik?
Wir erwarten, dass die brandenburgische Landesregierung und die Bundesregierung Verantwortung übernehmen. Wir setzen uns weiter dafür ein, dass es eine flächendeckende Beratung gibt und diese muss auch finanziert werden.
Auch ein Landes-Antidiskriminierungsgesetz für Brandenburg ist dringend nötig. Wir haben viele Beratungsanfragen im Bereich Schule, aber hier können wir nicht helfen, weil dieser Bereich rechtlich gar nicht abgedeckt ist.
Auf Bundesebene muss das AGG reformiert werden und die flächendeckende Beratung muss endlich verlässlich finanziert werden. Die Folgen sehen wir bereits heute: Unser gesellschaftlicher Zusammenhang leidet. Und wenn Menschen Diskriminierung erleben und keine Unterstützung bekommen, leidet das Vertrauen in Staat und Gesellschaft massiv.
Welche politischen Signale nehmen Sie wahr?
Gemischte. Einerseits mehr Aufmerksamkeit für das Thema. Andererseits erleben wir einen gesellschaftlichen Rechtsruck und Angriffe auf die Zivilgesellschaft. Gerade deshalb ist unsere Arbeit wichtiger denn je – weil Diskriminierung heute offener geäußert wird als noch vor einigen Jahren.
Was gibt Ihnen dennoch Hoffnung?
Unsere Arbeit ist wichtig und deshalb müssen wir weiterkämpfen. Was mich dabei zuversichtlich stimmt: Gerade bei jungen Menschen sehen wir ein wachsendes Bewusstsein dafür, dass Diskriminierung nicht hinnehmbar ist und dass alle Menschen die gleichen Rechte haben. Erst kürzlich wollten Filmschüler*innen eine Dokumentation über Alltagsrassismus drehen. Das waren junge, engagierte Menschen aus der Region. Solches Engagement ist ein echter Hoffnungsschimmer.
Den Jahresbericht der unabhängigen Bundesbeauftragten für Antidiskriminierung Ferda Ataman für das Jahr 2025, in dem das Interview erschienen ist, finden Sie auf der Seite der Antidiskriminierungsstelle des Bundes (PDF).


